Meine Eindrücke aus dem Balkhu Slum – Ein Blick in das Leben am Rande der Gesellschaft
Vor wenigen Tagen besuchte ich zusammen mit unserer Projektpartnerin Laxmi den Balkhu Slum in Kathmandu – einen Ort, der mich tief bewegt hat und lange nachhallen wird. Auf wenigen hundert Quadratmetern leben hier über 4.000 Menschen in provisorischen Wellblechhütten und Zelten, direkt am Ufer des Bagmati-Flusses.
Die Lebensbedingungen sind katastrophal: Kein fließendes Wasser, keine sanitären Anlagen, kein Zugang zu Bildung. Viele Familien haben vier bis sieben Kinder, von denen die wenigsten die staatliche Schule besuchen können. Die Kinder, die es schaffen, sind oft Ziel von Mobbing – ihre Kleidung ist schmutzig, ihre Haare zerzaust. Wenn die Eltern arbeiten gehen – meist in sehr einfachen und schlecht bezahlten Tätigkeiten – sind die Kinder oft auf sich allein gestellt und völlig schutzlos. Leider gibt es unzählige Fälle von Missbrauch und Gewalt, die ihr Leben zusätzlich bedrohen. Die Armut ist greifbar, die Menschen größtenteils ungebildet. Viele Bewohner sind muslimisch geprägt – die Frauen dürfen meist nicht arbeiten, ihr Leben dreht sich ums Kinderkriegen. Zahlreiche Frauen tragen das Leid vieler Fehlgeburten.
Die Lage ist besonders prekär, weil der Slum direkt am Fluss liegt und jedes Jahr vom Monsun überschwemmt wird. Im August letzten Jahres wurde das Gebiet komplett unter Wasser gesetzt – für die Menschen war es unbewohnbar, ihr Weniges wurde zerstört. Wochenlang lang müssen sie somit auf der Straße leben, bis die Fluten zurückgehen. In dieser schweren Zeit bietet unsere Projektleiterin Laxmi ihnen nun Schutz und eine warme Mittagsmahlzeit.

Der benachbarte Obst- und Gemüsemarkt ist für viele Kinder die letzte Hoffnung: Sie stehlen, um ihren Hunger zu stillen. Ich hatte Essen und Süßigkeiten dabei, die wir verteilten. Schnell sammelten sich immer mehr Menschen, die nicht aus Gier, sondern aus blankem Hunger kamen.
Besonders im Herzen blieb mir eine Frau mit mehreren Kindern, die nicht sprechen kann. Sie hat nie eine Schule besucht und hat dadurch kaum Chancen auf Arbeit. Worte gab sie nicht von sich, doch durch ihre Gesten und Lautierungen zeigte sie uns ihren großen Wunsch zu lernen. Der geplante Nähkurs ist für sie ein Lichtblick, denn Laxmi erkennt ihr Potenzial. Als ich ihr einen Stift schenkte, lächelte sie und „sagte“: Auch wenn ich nicht schreiben kann, möchte ich es lernen – ich werde das, was ich im Kurs erfahre, aufmalen. Als alle Süßigkeiten verteilt waren, kam sie nochmal wieder. Sie wollte gerne die Plastiktüte haben, in der ich die Süßigkeiten mitgebracht hatte. Sie könne die Tüte noch gut verwenden. In diesem Moment entschied ich, dass wir alles, was wir am nächsten Tag nicht für unsere Rückreise nach Deutschland benötigen, hier lassen werden. Die Menschen hier sind über jede kleine Gabe dankbar – und komme sie uns noch so wertlos vor. Für die Menschen hier macht sie einen Unterschied.

Laxmi und ihr Mann sind für die Menschen ein großes Glück. Man spürt ihre tiefe Verbundenheit und ihr echtes Interesse an den Schicksalen vor Ort. Sie hören zu, sie helfen, sie schenken Hoffnung. Als meine Süßigkeiten alle waren, kaufte Laxmis Mann spontan Nachschub für die Wartenden – das hat mich sehr berührt.
Ich habe Nepal schon oft bereist und einiges an Entwicklungsarbeit geleistet und gesehen, doch das, was ich im Balkhu Slum erlebt habe, war das Eindrucksvollste und Schlimmste zugleich. Hier liegen Hoffnung und Leid so nah beieinander wie kaum irgendwo sonst.
Es ist eine große Chance, diesen Menschen zu helfen und ein Privileg mit einer so enthusiastischen und empathischen Frau wie Laxmi zusammenarbeiten zu dürfen. Meine Vision ist es, eines Tages eine Schule im Slum zu errichten – für alle Kinder, die heute kaum eine Chance auf Bildung haben. Denn nur Bildung eröffnet Wege aus der Armut. Nur so erfahren Kinder von ihren Rechten, von Gleichheit und Würde – und davon, dass Mädchen genauso viel wert sind wie Jungen.
Dieser Besuch hat mir noch einmal eindrücklich vor Augen geführt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Gemeinsam können wir den Menschen im Balkhu Slum eine Zukunft schenken – das ist sicher!
Eure Moti

Foto: Moti und Laxmi
6 Kommentare
Liebe Moti,
danke für dein Engagement, das dir deine deutschen Eltern ermöglichen und danke, dass du auch zu deiner nepalesischen Familie guten Kontakt hast. Dein Besuch im Balkhu Slum errinnert mich an meinen Besuch im Slum in Santiago de Chile vor vielen Jahren – ich kenne also die Probleme und Sorgen. Ich werde euch wieder unterstützen, auch wenn es „nur“ ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Hoffnung und Zuversicht der Menschen müssen durch gute Erlebnisse unterstützt werden. Ich grüsse dich herzlich und wünsche dir und deinen Familien das Beste.
Liebe Elfriede, vielen Dank für Deine Unterstützung!
Liebe Moti,dein Bericht hat mich sehr bewegt! Herzliche Grüße Susanne ,eine Freundin von Birgit und Horst
Vielen Dank liebe Susanne
Liebe Moti!
Ich spreche Sie einfach so an, denn von Ihren Eltern kennen wir Sie nur so.
Ihr Bericht hat mich vor Monaten, als ich ihn erstmals las, sehr angefasst und nicht mehr losgelassen. Er ist sehr eindrucksvoll geschrieben und gibt ein lebendiges Bild.
Was ist derzeit das aktuelle oder nächste Projekt, das vielleicht noch ganz so Groß wie eine Schule ist.
Anknüpfend an meine zurückliegende Erfahrung im Fundraising habe ich hier einen für mich sehr konkreten Gedanken und vielleicht auch noch die eine oder andere Idee, um Ihr und das Engagement Ihrer Projektpartner zu fördern.
V
Lieber Gerhard,
bitte entschuldige die späte Antwort! Ich freue mich über dein Feedback! Ja, mein Besuch im Balkhu Slum wirkt auch bei mir weiterhin nach – umso mehr freue ich mich, dass die erste Ausbildungsrunde unserer Nähschule vor Ort Ende des Monats beendet ist und die ersten Frauen selbstgenähte Kleidungsstücke erfolgreich verkaufen! Wir freuen uns sehr über deine Ideen und Anregungen zum Thema Fundraising, ich werde dir hierzu privat schreiben!
Viele Grüße Moti vom Ashavadi Team